André Gierke, geschäftsführender Gesellschafter der EPR compact GmbH & Co. KG. © EPR compact

André Gierke ist auch in der Schweiz anzutreffen, beispielsweise als Redner an der Jahresversammlung 2023 des Schweizer Verpackungsinstituts SVI und an der Empack 2024. © EPR compact

Die EPR auf einen Blick. © EPR compact

«Abfall ist irrelevant – Marktzugang essenziell»

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André Gierke ist geschäftsführender Gesellschafter der Beratungsfirma EPR compact, mit Sitz in Hilter am Teutoburger Wald, Deutschland. «Verpackungs-Industrie» sprach mit ihm über seine Arbeit, bei der er sich zum Ziel gesetzt hat, Unternehmen, die in oder mit der EU Handel treiben, fit für die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) zu machen.

Die EPR ist von entscheidender Bedeutung für Unternehmen, die physische Produkte in einem Mitgliedstaat der Europäischen Union (EU) anbieten oder in Verkehr bringen. Zwar ist EPR-Compliance eine Grundvoraussetzung für den konformen Marktzugang, doch trotzdem wird das Thema von Unternehmen weitgehend als «Abfallthema» eingeordnet und entsprechend stiefmütterlich behandelt, was zu Non-Compliance und erheblichen finanziellen Risiken führen kann.

Herr Gierke, können Sie uns einen Überblick über die EPR geben und warum sie für Unternehmen von Bedeutung ist?

André Gierke: Die EPR ist die Antwort der EU auf verschiedene identifizierte Problemfelder wie Vermüllung, Rohstoffknappheit, seltene Erden und vor allem auch eine Gefährdung von Menschen und Umwelt durch unkontrollierte Entsorgung und unsachgemässe Behandlung von Schadstoffen. Das grosse Ziel ist der Schutz von Menschen und Umwelt. Um diese Ziele zu erreichen, wurde die erweiterte Herstellerverantwortung ins Leben gerufen, in deren Zuge die «Problemverursacher» mit erweiterten Verpflichtungen konfrontiert werden. Ich spreche oft von den vier Dimensionen der EPR-Compliance. Beispielsweise gibt es konkrete Anforderungen an Produkte und Verpackungen – an deren Design, ihre Kennzeichnung, Informationspflichten und auch Abfallvermeidungsmassnahmen, die bereits in der Konzeption berücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus gibt es konkrete Anforderungen an den jeweils nationalen Marktzugang – insbesondere mit Blick auf Registrierungen, Identifikations- und Ausweispflichten sowie an die Rechnungslegung. Wir reden zudem über Anforderungen an die flächendeckende Rücknahme und fachgerechte Entsorgung von Abfällen, über Meldeverpflichtungen und definitiv  auch Daten – korrekte, vollständige und anwendbare Daten, die die Stakeholder dazu befähigen, ihre Verpflichtungen korrekt zu erfüllen. Die EPR steht somit für die Marktzugangsvoraussetzung, und für den konformen Marktzugang müssen all diese Dimensionen gemeistert werden.

Wie unterscheidet sich der aktuelle Status quo von der Best Practice, die Sie propagieren?

In den meisten Fällen gibt es noch immer eine enorme Diskrepanz. Die EPR wird häufig noch immer als Abfallthema betrachtet und mit der Ansicht verbunden, dass sie nichts bringt und nur Kosten verursacht. Es mangelt oft an Standards, Prozessen, Transparenz und Kommunikation. Zum Beispiel finden sich in vielen Produktentwicklungsplänen keine oder nur oberflächliche EPR-Anforderungen, was zu unzureichender Umsetzung von Kennzeichnungspflichten führt. Auch im Vertragsmanagement fehlen oft EPRKlauseln und klare Spezifikationen für die Erfüllung der Anforderungen. Es ist entscheidend, das Wissen nicht nur im Kopf zu haben, sondern es anwendbar zu dokumentieren. Damit kommen wir weg von individuellen Know-how-Trägern und können bestenfalls ein Outsourcing an Dienstleister einsparen.

Welche spezifischen Herausforderungen stellt die EPR für Unternehmen in Deutschland und der Schweiz dar?

Die Unternehmen in Deutschland und der Schweiz stehen vor der Herausforderung, ihre Einstellung zur EPR zu ändern und die Notwendigkeit einer konformen Umsetzung anzuerkennen. Derzeitige Denkmuster wie «Es hat ja immer alles gut funktioniert» müssen überwunden werden, da sich die Situation nun ändert: die Transparenz erhöht sich und Anforderungen werden spezifischer und messbarer – und hochgradig vollziehbar. Unternehmen sollten genau jetzt handeln und die EPR nicht aufschieben, auch wenn der Berg hoch und das Thema sowie Konsequenzen noch so fern erscheinen. Es ist ein regulatorischer Tsunami im Gange, dem sich Unternehmen nicht entziehen können.

Ist es möglich, einen Vergleich zu internationalen Standards zu ziehen?

Die EPR ist mittlerweile ein weltweites Thema, sodass vergleichbare Anforderungen in zahlreichen Ländern der Welt existieren. Die EU ist dabei oft Vorbild, sodass die Grundstrukturen und Ansätze oft vergleichbar sind.


Welche Schritte empfehlen Sie Unternehmen, um eine effiziente EPR-Compliance zu erreichen?

Als Erstes ist ein Mindset-Wechsel erforderlich, bei dem der Fokus auf dem konformen Marktzugang und nicht auf Abfall liegt. Eine Bestandsaufnahme sollte gemacht werden, um vorhandene Anforderungen zu identifizieren und Optimierungspotenziale zu erkennen. Basierend auf dem Status quo kann ein priorisierter Massnahmenplan abgeleitet werden, gefolgt von Umsetzung und Monitoring, damit internen und externen Veränderungen Rechnung getragen wird und um sicherzustellen, dass implementierte Prozesse aktuell bleiben.

Welche Rolle spielt das Bewusstsein für EPR-Compliance bei der Sicherstellung eines reibungslosen Marktzugangs für Produkte?

Das Bewusstsein für EPR-Compliance ist von immenser Bedeutung. Abfall ist irrelevant – der konforme Marktzugang hingegen essenziell für den Erfolg von Vertrieb und Marketing. Unternehmen sollten die EPR nicht als notwendiges Übel, sondern als Chance für eine nachhaltige und effiziente Geschäftstätigkeit betrachten.


Würden Sie sagen, dass die Sensibilisierung für die EPR schon in Gang gekommen ist und wie passt Ihre Beratungsfirma ins Bild?

Es ist eine langsame Veränderung in der Einstellung der Unternehmen spürbar, da sie erkennen, dass sie handeln müssen, wobei Schweizer Unternehmen möglicherweise etwas sensibler für die Relevanz der EPR sind. Unser Ansatz, die EPR als integralen Bestandteil der Geschäftsprozesse zu betrachten, ist zwar noch jung, aber ein logischer Schritt, um den konformen und effizienten Marktzugang sicherzustellen und diesen nicht dem Zufall zu überlassen. Wir helfen Unternehmen, die EPR-Anforderungen konkret zu verstehen, zu überwachen und umzusetzen. Wir spielen die EPR durch und implementieren entsprechende Prozesse und Leitfäden, um die trockenen Anforderungen in die angewandte Praxis zu übertragen.

Welche konkreten Massnahmen schlagen Sie vor, um die EPR in Unternehmen zu einem integralen Bestandteil der Unternehmensprozesse zu machen?

Die EPR-Anforderungen müssen in die Standardprozesse des Unternehmens integriert werden, wie Verpackungskonzeption, Produktentwicklungspläne, Vertragswerk, Einkauf, Lieferantenmanagement und Kommunikationsflüsse. Das Thema sollte an allen relevanten Stellen selbstverständlich mitlaufen, ohne dass daran gedacht werden muss. So selbstverständlich wie das Zähneputzen am Morgen.

Wie gehen Sie mit den unterschiedlichen EPR-Gesetzen und -Vorschriften in verschiedenen Ländern um, insbesondere im Hinblick auf Unternehmen, die sowohl in der EU als auch in der Schweiz tätig sind?

Hier ist sicherlich je nach Markt und Branche ein bisschen zu differenzieren. Nichtsdestotrotz macht oft Sinn, die höchsten Anforderungen zu betrachten und umzusetzen, um eine One-fits-all-Lösung zu implementieren. Grundsätzliche Anforderungen an Produkt/Verpackung, Design, Kennzeichnung und Informationspflichten sollten daher auf EU-Ebene erfüllt werden, während spezifische Anforderungen wie Registrierungen national betrachtet werden können.

Können Sie uns Beispiele für erfolgreiche Implementierungen Ihrer Best- Practice-Ansätze in Unternehmen nennen?

Eine erfolgreiche Implementierung umfasst viele Faktoren: beispielsweise wurden für die Kennzeichnung von Verpackungen Leitfäden erstellt und implementiert, sodass ein einheitliches, EUweit konformes Design personenunabhängig, effizient und sicher angewendet wird. Alle relevanten Daten werden auf Basis klarer Definitionen erhoben, um eine effiziente und konforme Erfüllung der EPR-Anforderungen zu ermöglichen – am besten digital und ohne «Excel-Ping-Pong ». In Deutschland führen überdies allein die korrekte Anwendung von Katalog und Leitfaden für systembeteiligungspflichtige Verpackungen sowie die Kenntnis marktgerechter Konditionen in vielen Fällen zu erheblichen jährlichen Einsparungen. Ein Optimierungspotenzial in fünf- bis sechsstelliger Höhe ist bereits hier keine Seltenheit.

Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren bei der Umsetzung der EPR-Compliance?

Die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, wie den nationalen Registern und kollektiven Systemen oder Bevollmächtigten, ist unerlässlich. Die meisten Hersteller haben wenig mit den Registern, sondern eher mit den Dienstleistern direkt zu tun. Insbesondere die administrativen Tätigkeiten von Registrierung und Reporting werden in vielen Fällen an einen «Dienstleister für das Dienstleistermanagement » ausgelagert. Der Mehrwert des Auslagerns darf dabei trotz gängiger Praxis regelmässig infrage gestellt werden. Dagegen ist ein Dienstleister für das Monitoring der rechtlichen Rahmenbedingungen sehr zu empfehlen. Das Monitoring ist elementar und aus meiner Erfahrung sind interne Lösungen hier oft ineffizient. Ein spezialisierter Dienstleister kann hier bestens aushelfen.

Welche Auswirkungen haben bevorstehende Gesetzesänderungen und zunehmende Transparenz auf die EPR-Compliance  und die Geschäftspraktiken von Unternehmen?

Bevorstehende Gesetzesänderungen, zunehmende Transparenz und Vollzugsmassnahmen erfordern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der EPR, da ein «Weiter so» existenziell bedrohliche Konsequenzen, wie Vertriebsverbot, Produktrückruf oder Geldstrafen und Gewinnabschöpfung, haben kann. Unternehmen können sich zukünftig nicht mehr wegducken, sondern müssen die Anforderungen annehmen und meistern.

Wie würden Sie Unternehmen motivieren, die EPR als Chance für eine nachhaltige und effiziente Geschäftstätigkeit zu betrachten?

Hier sprechen wir wieder vom Mindset-Switch: es geht um den konformen Marktzugang. Der ist relevant. Und die EPR ist die Basis dafür. Wir reden aber auch von einem Risikomanagement. In diesem Rahmen reicht es nicht, auf die  rfahrungswerte der Vergangenheit zu referenzieren. Die Zeiten ändern sich. Und genau diese Entwicklungen sollten auch im Rahmen des Risikomanagements betrachtet werden. Mit Blick auf die Chance lässt sich zudem festhalten: die Welt ist bereits volatil. Wir sprechen von einer Krisensituation. Und diese Krise werden nicht alle überleben, sodass grundsätzlich Marktanteile neu verteilt werden. Die zunehmenden Anforderungen verstärken diesen Effekt nur noch. Wer nicht mitmacht, verliert ebenfalls Marktanteile an die konformen Player. Also gibt es wie immer Gewinner und Verlierer. Und zumindest mir hat Gewinnen immer mehr Spass gemacht.