Insgesamt 37 Teilnehmende aus Pharma-, Kosmetik-, Medtech- und Verpackungsunternehmen nutzten die Veranstaltung, um sich über aktuelle Entwicklungen in Produktschutz, Fälschungssicherheit, Nachhaltigkeit und regulatorische Anforderungen zu informieren. Neben einem umfassenden Vortragsprogramm bot der Anlass die Möglichkeit, die Just-in-time-Produktion von GPI direkt im Werk zu erleben.
Bereits vor Veranstaltungsbeginn war die firmeninterne Cafeteria – die «Box» – gut besucht. Silvia Oertle, Head of Marketing and Sales, begrüsste die Gäste und eröffnete den Tag. Die diesjährige Ausgabe fand erstmals komplett auf Deutsch statt. Das Cateringteam sorgte für ein hochwertiges Mittagessen, das den intensiven fachlichen Austausch abrundete.
Security Features und Concept Store: Einblicke in aktuelle Schutztechnologien
Hayriye Ulutürk, European Technical Account Manager Healthcare bei GPI, präsentierte am Vormittag neue Sicherheitsmerkmale, die gefälschte oder manipulierte Verpackungen zuverlässig identifizierbar machen. Der Vortrag zeigte eine breite Palette an Lösungen – von sichtbaren Merkmalen wie Microtext, Sicherheitslinien oder Scodix-Elementen bis hin zu verdeckten Features wie fluoreszierenden und bi-fluoreszierenden Tinten sowie hochspezialisierten Polarisationseffekten wie Sicpa Oasis.
Besonders relevant für pharmazeutische Markeninhaber ist die zunehmende Integration forensischer Technologien wie Alpvision Cryptoglyph, das unsichtbare, digital kodierte Strukturen in Lackschichten nutzt. Diese technischen Massnahmen adressieren die weiter steigenden Risiken gefälschter Arzneimittel, wie Ulutürk anhand aktueller WHO-Zahlen belegte: Rund 1 von 10 Medikamenten in Niedrig- und Mitteleinkommensländern gilt als substandard oder gefälscht.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf neuen Material- und Inlaykonzepten. GPI setzt verstärkt auf faserbasierte Lösungen, die Kunststoff- und Schaumstoffeinlagen ersetzen und damit Rezyklierbarkeit und CO₂-Bilanz verbessern. Zudem zeigte Ulutürk Ansätze für anwenderfreundliche Autoinjektor-Verpackungen.
PPWR und Medizintechnik: Herausforderungen für Hersteller
Marcel Kunz, Director & Head Packaging bei der Straumann Group, gab einen strukturierten Überblick über die bevorstehenden regulatorischen Veränderungen durch die EU Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR). Seine Analyse machte deutlich, dass die Branche vor erheblichen Zielkonflikten steht.
Die PPWR fordert bis 2030 vollständig rezyklierbare Verpackungen, bis 2040 deutlich reduzierte Verpackungsabfälle sowie steigende PCR-Anteile in Kunststoffverpackungen. Gleichzeitig gelten für sterile und kontaktsensitive Verpackungen der Medizintechnik weitreichende Ausnahmen mindestens bis 2034.
Kunz betonte die Widersprüche zwischen PPWR-Anforderungen und normativen Vorgaben wie ISO 11607: Rezykliertes Material sei im medizinischen Umfeld nur eingeschränkt nutzbar, und die Rückverfolgbarkeit von Rezyklaten sei regulatorisch oft nicht kompatibel. Zu den technischen Herausforderungen zählen Partikelrisiken, Validierungsaufwand und fehlende Qualitäten im medizinischen Rezyklatmarkt.
Konsequenterweise riet er dazu, bereits heute freiwillige Schritte zu gehen – etwa PCR-Material in nicht-kritischen Verpackungsbereichen einzusetzen oder systematisch Design-for-Recycling-Kriterien entlang der gesamten Verpackungskette zu prüfen.
Eindrucksvoll war zudem ein Praxisbeispiel: Aus 1000 Kilogramm medizinischem PETGAG-Material entstanden im Rahmen eines Pilotprojekts 50 000 Trisa- Zahnbürsten – ein Beispiel dafür, wie Kreislaufansätze auch in streng regulierten Branchen funktionieren können.
Just-in-time-Produktion live erleben
Ein Rundgang bot Einblick in sämtliche Produktionsschritte – vom Wareneingang über Druck, Verarbeitung und Qualitätskontrolle bis zur palettierten Ware auf dem LKW. Die Fertigung präsentierte sich hoch standardisiert, effizient und entlang strikter GMP-Anforderungen strukturiert.
Die Teilnehmenden attestierten der Produktionsführung ein hohes Mass an Professionalität und schätzten die Möglichkeit, Prozessdetails unmittelbar mit den Experten vor Ort zu diskutieren.
Verbrauchermeinungen 2025: Was der Markt erwartet
Am Nachmittag beleuchtete Winfried Mühling, Director of Marketing & Communications bei Pro Carton, aktuelle Consumer Insights zu Verpackungsmaterialien und Nachhaltigkeitswahrnehmungen. Grundlage war die European Consumer Packaging Perceptions Study 2025, basierend auf 5072 befragten Konsumenten aus fünf europäischen Ländern.
Die Daten zeigen klar: Rezyklierbarkeit und Vermeidung von Überverpackung stehen als Anforderungen an erster Stelle. 84 Prozent der europäischen Konsumenten glauben, beurteilen zu können, welche Materialien recycelbar sind; die höchste Zuversicht liegt bei Karton und Papier (83–85 Prozent).
Kartonverpackungen geniessen mit einer Präferenzrate von 89 Prozent gegenüber Kunststoff ein besonders hohes Vertrauen. Gleichzeitig erwarten Konsumenten nachhaltige Lösungen zu vergleichbaren Preisen – 64 Prozent kaufen nachhaltige Produkte nur, wenn sie nicht teurer sind. Gerade jüngere Zielgruppen reagieren sensibel auf wahrgenommene Verpackungsprobleme.
Mühling ordnete zudem die Ergebnisse der Pledge 2025 ein, einer Selbstverpflichtung für nachhaltigere Kunststoffverpackungen, an der sich rund 20 Prozent der Marktteilnehmer beteiligten (überwiegend Grosskonzerne, vor allem im Lebensmittelbereich). Die Fortschritte seien sichtbar, doch besonders bei flexiblen Kunststoffen blieben grosse Lücken bestehen – sowohl in der Sammlung als auch in der Verfügbarkeit von rezykliertem Food-Grade-Material. Für viele Fast- Moving Consumer Goods (FMCGs) wären die ursprünglichen Ziele inzwischen verschoben oder abgeschwächt worden.
Ergänzend betonte Mühling, dass die Pledge 2025 trotz Verzögerungen als wichtiges Erfolgsmodell gilt, weil sie Transparenz geschaffen, Design-for-Recycling etabliert und Unternehmen zu belastbaren Umweltberichten verpflichtet hat. Um die ursprünglichen Ziele dennoch zu erreichen, seien stärkere Anstrengungen bei Sammlung und Sortierung, eine breitere Recyclinginfrastruktur – insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern – sowie einheitliche Re-Use-Systeme notwendig. Verbindliche Recyclingquoten nach Verpackungsart und eine ausgeweitete Herstellerverantwortung könnten zusätzliche Fortschritte ermöglichen.
Orientierung bieten die jährlichen Fortschrittsberichte der Ellen MacArthur Foundation, einer globalen Initiative, die Unternehmen, Politik und Wissenschaft vernetzt, um den Übergang zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu beschleunigen und den Einsatz problematischer Kunststoffe konsequent zu reduzieren.
Fazit: Die Verpackungsindustrie steht vor einem Jahrzehnt hoher Dynamik
Die Healthcare Academy 2025 bot einen umfassenden Überblick über zentrale Trends, Herausforderungen und Innovationsfelder. Deutlich wurde:
❱ Fälschungsschutz entwickelt sich durch neue Tinten, Pigmente, Polymereffekte und Forensik-Technologien rasant weiter.
❱ Regulatorik wie die PPWR verlangt tiefgreifende Anpassungen, im Healthcare- Bereich insbesondere an Sekundär- und Tertiärverpackungen.
❱ Nachhaltigkeit und Verbraucherwahrnehmungen setzen Marken und Verpackungshersteller zunehmend unter Druck: Rezyklierbarkeit, Materialreduktion und Transparenz werden zu wettbewerbskritischen Faktoren.
❱ Produktionsprozesse bleiben ein strategischer Hebel – Effizienz, Flexibilität und Just-in-time-Fähigkeit sind im Gesundheitsmarkt klare Wettbewerbsvorteile.
Mit der Kombination aus kritischen Analysen, praxisnahen Einblicken und strategischen Impulsen bot die Healthcare Academy allen Teilnehmenden eine kompakte, fachlich fundierte Weiterbildung – und einen klaren Blick darauf, wie sich Unternehmen frühzeitig auf neue Technologien und Vorschriften vorbereiten können, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Veranstaltung profitierte zudem von intensiven Diskussionen zwischen Publikum und Referenten. Mehrere Praxisprobleme einiger Teilnehmender konnten dank der Erfahrung und dem Know-how anderer Anwesender unmittelbar geklärt werden. Hier wurden die Teilnehmenden zeitweise zu Verbündeten – ein Austausch, von dem alle Beteiligten profitierten.