Seit rund drei Jahrzehnten befasst sich die O. Kleiner AG mit Nachhaltigkeit in der flexiblen Verpackung. Das unabhängige, inhabergeführte Unternehmen aus Wohlen im Aargauer Freiamt entwickelt und produziert Verpackungslösungen für Lebensmittel. Die kurzen Entscheidungswege eines KMU erlauben es, rasch auf Veränderungen im Beschaffungs- und Absatzmarkt zu reagieren. Gleichzeitig setzt das Unternehmen zunehmend auf Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Folien über Marketing und Abpackanlagen bis zu Regulierung und Lebensmittelsicherheit.
Im Gespräch erläutert Inhaber und CEO Martin Kleiner, weshalb nachhaltige Verpackung nicht auf möglichst wenig Material oder eine einzelne Recyclingkennzahl reduziert werden darf. Entscheidend sind immer auch Produktschutz, Haltbarkeit, die Verarbeitbarkeit auf bestehenden Anlagen sowie der reale Verwertungsweg.
Herr Kleiner, weshalb beschäftigt sich O. Kleiner schon so lange mit Nachhaltigkeit?
Martin Kleiner: Der schonende Umgang mit Ressourcen war uns stets ein persönliches Anliegen, genauso wie unsere Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Wir haben kontinuierlich Schritte zur Emissionsreduktion im eigenen Unternehmen unternommen: Neben einer Photovoltaikanlage haben wir auch eine Biofilteranlage zur Reinigung lösungsmittelhaltiger Prozessabluft und eine regenerative Nachverbrennung (RNV) installiert. Wir wollten und wollen zeigen, dass sich Investitionen in Ökologie, Ökonomie und soziale Themen sinnvoll verbinden lassen und auch wirtschaftlich erfolgreich sein können.
Viele Unternehmen, auch Schweizer Unternehmen mit EU-Geschäft, erleben die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) und andere neue Vorgaben als Druck von aussen. Wie ist das bei O. Kleiner?
Dank unserer Investitionen in die ökologische Nachhaltigkeit verfügen wir heute über eine hohe Glaubwürdigkeit in Nachhaltigkeitsfragen unserer Kunden. Gerade im Zusammenhang mit den Anforderungen der PPWR wird unsere langjährige Erfahrung enorm geschätzt.
Die regulatorische Vereinheitlichung auf europäischer Ebene ist ein grosser Schritt in die richtige Richtung. Wie bei vielen Gesetzesvorlagen besteht aber auch hier die Gefahr einer Überregulierung. Zudem sehen wir bereits heute, dass Kunden mit einer grossen administrativen Belastung konfrontiert werden. Das kann insbesondere kleinere Unternehmen oder Firmen in ohnehin stark regulierten Industrien wie Lebensmittel oder Pharma überfordern und genau da wäre die Politik gefordert!
Was wird in der Diskussion über nachhaltige Verpackungen am häufigsten zu stark vereinfacht?
Der Produktschutz ist die zentrale Aufgabe einer Verpackung. In allen unseren Entwicklungsprojekten darf die Haltbarkeit keinesfalls reduziert werden; im Idealfall verlängern neue Spezifikationen sogar die Lebensdauer eines Produkts. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Vermeidung von Food Waste.
Neben Materialeinsatz und Recyclingfähigkeit müssen deshalb immer die gesamte Wertschöpfungskette sowie weitere Faktoren berücksichtigt werden. Eine tiefere Siegeltemperatur kann beispielsweise die Energiebilanz positiv beeinflussen. Es genügt nicht, nur ein Kriterium zu optimieren.
Welche Rolle spielen Monomateriallösungen bei Kaffee und anderen anspruchsvollen Lebensmitteln?
Wir bieten bereits Monomateriallösungen für Lebensmittel-Primärverpackungen an, die Produktschutz und Haltbarkeit gewährleisten und sich bei hohen Taktzahlen zuverlässig verarbeiten lassen. Die heutigen Technologien ermöglichen sehr hohe Barrieren gegen Sauerstoff, Wasserdampf, Aroma und UV-Strahlung. Je nach Produkt und Anforderung kommen unterschiedliche Folienspezifikationen und Abpackprozesse zur Anwendung. Bei kritischen Füllgütern können zudem Anforderungen wie Kindersicherheit hinzukommen.
Unsere Erfahrungen aus Märkten wie Skandinavien, in denen klassische Aluminiumverbunde seit vielen Jahren nicht mehr erwünscht sind, sind sehr positiv. Die meisten Lebensmittel können heute ohne Aluminium verpackt werden. In den vergangenen Monaten konnten wir beispielsweise auch Sterilverbunde durch Monolösungen ersetzen. Canpeel, unsere leicht abziehbaren Deckelfolien, bieten wir ebenfalls in aluminiumfreier Ausführung an.
Immer mehr Unternehmen und Verpackungshersteller erweitern ihr Sortiment um aluminiumfreie Lösungen. Entscheidend ist, dass die Haltbarkeit mindestens erhalten bleibt, idealerweise verbessert wird, und die Verarbeitung prozesssicher bleibt. Weitere Lösungen entwickeln wir kontinuierlich.
Entscheidet also primär die Materialart darüber, ob eine Verpackung nachhaltig ist?
Nein. Entscheidend ist, dass die Lebensdauer des Lebensmittels nicht verkürzt wird. Die Verpackung muss deshalb als Gesamtsystem bewertet werden: vom Füllgut über die Barriereleistung und Verarbeitung bis zum End-of-Life.
Es ist unsere Aufgabe, mit den Lebensmittelherstellern gemeinsam die «ideale» Verpackung zu definieren. Ein Hersteller muss überzeugt sein, dass die Umstellung eine bessere Lösung darstellt und auch die Regulatorien der PPWR und die damit einhergehenden Umsetzungsfristen in den nächsten 25 Jahren erfüllen wird. Ausserdem muss die neue Verpackung die Haltbarkeit sicherstellen und auf den vorhandenen Anlagen prozessfähig sein, damit sie langfristig bestehen kann.
Wie schaffen Sie Vertrauen, wenn Kunden von einer bewährten Verbundlösung auf eine neue Lösung wechseln sollen?
Unsere Erfahrungen aus anderen regionalen Märkten geben den Kunden Vertrauen. Im konkreten Projekt prüfen wir die Folien zunächst auf den Abpackanlagen hinsichtlich ihrer Maschinengängigkeit. Danach folgen Auslagerungstests mit laufenden Degustationen. So lassen sich Haltbarkeit verifizieren sowie Sicherheit und Vertrauen aufbauen.
Warum ist die Verarbeitung auf bestehenden Anlagen für Sie auch eine Nachhaltigkeitsfrage?
Nicht jeder Lebensmittelhersteller kann seinen gesamten Maschinenpark auf einen Schlag erneuern. Anlagen werden über viele Jahre abgeschrieben. Der Bau neuer Anlagen verursacht Emissionen; durch die Nutzung bestehender Maschinen lassen sich diese vermeiden oder zumindest reduzieren.
Unsere neueste Generation von Monofolien zielt deshalb darauf ab, ohne Einschränkungen bei der Abpackgeschwindigkeit verarbeitet werden zu können. Entscheidend sind dabei unter anderem ein passendes Siegelfenster und die Statik der Folie. Nur so kann sie über mehrere Produktionsschichten hinweg bei hohen Taktzahlen konstant und störungsfrei laufen.
Wie läuft ein Umstellungsprojekt ab?
Zunächst definieren wir gemeinsam mit dem Kunden das Ziel. Abhängig von der Ausgangslage beziehen wir dann die notwendigen Partner ein. Verpackungen sind hochkomplex; sie verlangen das Zusammenspiel von Folien, Marketing, Abpackanlagen, Regulierung und Lebensmittelsicherheit. Durch unsere Erfahrung aus rund 15 Jahren Umstellungsprojekten können wir auf standardisierte Prozesse zurückgreifen und unser Wissen gezielt einbringen.
Haben Sie ein Beispiel?
Ende November 2021 bat uns der englische Kaffeeröster Union Hand-Roasted Coffee, seinen bestehenden Aluminiumverbund für Packungen von 200 g bis 1 kg durch eine Monomateriallösung zu ersetzen. Dafür eignete sich unser modular aufgebautes Genprotect-System perfekt. Entstanden ist eine PE-Monofolie mit einem sehr hohen Anteil nachwachsender Rohstoffe und 30 Prozent Post-Consumer-Rezyklat, beides auf Basis der ISCC+-Massenbilanz. Eine hochwertige Sauerstoffbarriere schützt das Aroma. Die Folie lief auf der bestehenden vertikalen Schlauchbeutelanlage ohne Anpassungen und bei gleicher Abpackgeschwindigkeit. Nach einer kurzen Testphase verliessen Anfang 2022 die ersten Aufträge unser Werk; seit Februar 2022 steht die neue Verpackung in den Regalen.
Welche Themen werden O. Kleiner in den nächsten Jahren beschäftigen?
Das Zusammenspiel von Mensch, Material und Maschine beziehungsweise Technologie ist heute aktueller denn je. Mit den Verwerfungen auf dem Energiemarkt gewinnt Energieeffizienz zusätzlich an Bedeutung. Auch die Klimaveränderung wird Arbeitsbedingungen und Produktionsprozesse zunehmend beeinflussen. Da sind clevere Lösungen gefragt.
In vielen Bereichen haben die Technologien riesige Entwicklungsschritte genommen. Wir müssen prüfen, welche dieser Technologien für die Verpackungsindustrie relevant sind, wie zum Beispiel KI sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Welt verändert sich und man wird sich anpassen müssen, um bestehen zu können. Der Gesetzgeber hat einen grossen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit gemacht. Wer seinen Kunden die geforderten Rezyklatanteile, Kennzahlen für Reporting oder eine Reduktion der Verpackung nicht bieten kann, riskiert Marktzugang und Aufträge.
Unsere eigentliche Motivation geht aber darüber hinaus: Wir wollen kommenden Generationen eine möglichst gute Ausgangslage hinterlassen. Dafür steht auch unsere Produktfamilie Genprotect. Das sehen wir als unsere Verantwortung und Pflicht. Deshalb werden wir weiterhin Schritte gehen, um Emissionen bei uns, in der Lieferkette und bei unseren Zulieferern zu reduzieren.
Die Umweltveränderungen haben auf alle Bereiche der Nachhaltigkeit einen Einfluss. Eine gesunde Organisation in der «Neuen Welt» weiterzuentwickeln, wird unsere Aufgabe der nächsten Jahre sein.