Peter J. Rickenmann ist CEO und Delegierter des Verwaltungsrats der Koenig & Bauer (CH) AG. Seit 2001 im Unternehmen, bringt er ein Vierteljahrhundert Erfahrung in eine Firmengruppe ein, deren Wurzeln 209 Jahre zurückreichen. Als erfahrener Experte in der Druckbranche spricht er aus der Perspektive eines Technologieanbieters, der die Verpackungsindustrie mit Hightech- Maschinen und digitalen Lösungen zukunftssicher macht. Im Fokus: Automatisierung, Digitalisierung und Sicherheit als Schlüssel für Effizienz, Markenschutz, Nachhaltigkeit und eine stärkere Interaktion mit Konsumentinnen und Konsumenten.
Koenig & Bauer verbindet diese lange Maschinenbau- Tradition mit modernen Ökosystemen wie «Kyana», Sicherheitslösungen wie «varnish protect ‹aegis›», einer Lackplattenlösung auf Basis der Stegano-Technologie und «a verification app – ava» zur Verifizierung sowie einem breiten Portfolio von B2- bis Grossformat-Bogendruckund Rollendruckmaschinen sowie Maschinen für den Postpress-Bereich. Im Gespräch zeigt Rickenmann, wie Verpacker in der Schweiz heute und morgen profitieren von präzisem Offsetdruck über flexible Digitalanwendungen bis hin zu KI-gestützter Datenhoheit und neuen Geschäftsmodellen.
Das Gespräch
Herr Rickenmann, was beschäftigt Verpackungshersteller im Moment am meisten?
Peter Rickenmann: Verpacker stehen aktuell von allen Seiten unter Druck. Steigende Rohstoff- und Energiekosten, Fachkräftemangel und immer kürzere Time-to-Market-Vorgaben der Brand Owner gehören zum Alltag. Gleichzeitig nehmen die regulatorischen Anforderungen zu insbesondere bei Nachhaltigkeit und Produktsicherheit, von Pharma über Food bis hin zur Kosmetik. Dazu kommen kleinere Losgrössen undmehr Varianten, was Rüstzeiten und Makulatur nach oben treibt. Und am POS muss die Verpackung gleichzeitig emotional wirken und Transparenz liefern. Die grosse Gleichung lautet: Ressourcen schonen, ohne bei Qualität und Markenwirkung Abstriche zu machen.
Koenig & Bauer bietet ein breites Portfolio an Hightech-Maschinen. Wie hilft dieses Fundament Verpackern, sich für heute und morgen aufzustellen?
Unser Portfolio von Bogenoffset wie der Rapida- Serie, Highend-Wellpappendruckmaschinen, über Rollen- CI Flexo bis hin zu digitalen Lösungen – deckt praktisch alle relevanten Anwendungen ab: Faltschachteln, Etiketten, flexible Verpackungen, Glas, Dekor und mehr. Die Maschinen sind konsequent auf Präzision, hohe Nettoproduktivität und kurze Rüstzeiten ausgelegt. Wir investieren seit Jahren in Technologien, die Makulatur, Rüst- und Waschzeiten senken und damit Ressourcen schonen. Oder, wie ich es gerne zuspitze: Unser Kunde ist der König, wir sind die «Bauer»: Wir liefern das technische Fundament, damit unsere Kunden ihre Marktanforderungen erfüllen können, heute und in Zukunft.
Welchen Mehrwert bietet dieses technische Fundament konkret für Verpackungshersteller in der Schweiz im Tagesgeschäft und strategisch?
In der Schweiz heisst das erst einmal: ein breites, industriell bewährtes Portfolio, das wir mit einer lokalen Serviceorganisation in Geroldswil begleiten. Im Tagesgeschäft machen sich kürzere Rüstzeiten, schnelle Jobwechsel und stabile Prozesse direkt bei Durchsatz und Liefertreue bemerkbar. Strategisch geht es darum, die passende Mischung aus analogen und digitalen Verfahren zu finden, passend zur eigenen Kundenstruktur. Wer Nachhaltigkeitsziele ernst nimmt, braucht nicht nur «grüne» Materialien, sondern vor allem effiziente Prozesse mit wenig Makulatur, schlanken Lagern und datenbasierter Optimierung.
Koenig & Bauer ist seit über 200 Jahren als Druckmaschinenbauer am Markt und hat sich zum Technologiekonzern weiterentwickelt. Wie leben Sie das Leitmotiv «Innovation ist unser Antrieb, Tradition ist unser fundament » im Verpackungsdruck?
Das ist bei uns kein Marketingspruch, sondern gelebte Realität im Alltag, sozusagen unsere DNA. Die Wurzeln von Koenig & Bauer liegen seit Anbeginn im Druckmaschinenbau und in sehr anspruchsvollen Bereichen wie dem Banknotendruck. Dort haben wir gelernt, absolut präzise zu messen, zu regeln und höchste Sicherheitsanforderungen abzubilden. Dieses Know-how übertragen wir z. B. auf den Verpackungsdruck, etwa mit Inline-Messtechnik, Registerregelung oder Sicherheitsfeatures. Daraus sind Lösungen wie der PDF-Abgleich während der Produktion oder KIgestützte Bedienerführung entstanden. Wir sind kein IT-Anbieter, sondern Technologienbieter und Maschinenbauer mit digitaler Intelligen Innovation heisst für uns: Tradition nicht über Bord werfen, sondern mit digitalen Services, Assistenzsystemen und vernetzten Workflows weiterentwickeln.
Von dieser Tradition in die Gegenwart: Wo sehen Sie aktuell die grössten Hebel der Automatisierung?
Die stärksten Hebel liegen dort, wo wir u. a. Rüstprozesse parallel und autonom umsetzen, damit Bediener entlasten und Fehlerquellen ausschliessen können. So zum Beispiel: Automatisieren der Voreinstellung, Farbdosierung, Register und Inline Qualitätskontrolle. Wir messen jeden Bogen, vergleichen bei Bedarf mit dem PDF und können Abweichungen unmittelbar «live» erkennen und korrigieren. Das senkt Reklamationen, Nacharbeit und Makulatur deutlich. Gleichzeitig sinken Rüst- und Waschzeiten und damit nicht nur die Kosten, sondern auch der Ressourcenverbrauch. Jede eingesparte Minute, jeder vermiedene Einrichtebogen zahlt auf Produktivität und Nachhaltigkeit ein.
Ein typisches Beispiel ist ein Pharma-Verpacker mit strengen Vorgaben zu Lesbarkeit, Vollständigkeit und Rückverfolgbarkeit: Dort kombinieren wir eine hochautomatisierte Bogenoffsetmaschine mit Inline-PDF-Abgleich und automatischer Regelung, sodass Fehler früh auffallen, bevor gedruckt wird. Sicherheitsanforderungen können zuverlässig erfüllt werden.
Viele Betriebe kämpfen mit Fachkräftemangel. Wie können moderne Maschinen und Assistenzsysteme hier helfen?
Wir werden den Fachkräftemangel nicht wegdiskutieren, also müssen die Maschinen intelligenter werden. Moderne Anlagen führen den Operator/Bediener durch komplexe Prozesse mit klaren Anweisungen, visuellen Hilfen, teilweise auch Augmented Reality. KI-basierte Assistenzsysteme aus unserem Kyana- Ecosystem analysieren laufend Daten und geben konkrete Empfehlungen, statt dass jemand jede Kennzahl von Hand interpretieren muss. Predictive Services sagen Wartungsbedarf voraus, bevor es kritisch wird. Wissen wandert so weg von einzelnen Köpfen ins System: Über 200 Jahre Erfahrung stehen nicht nur in Handbüchern im Archiv, sondern sind digital verfügbar und fliessen in Algorithmen, Bedienerund Servicekonzepte sowie Schulungen ein.
Brand Owner verlangen Transparenz, Sicherheit und Interaktion mit Konsumenten. Welche Rolle spielt «Kyana» insbesondere «Mykyana» und «Auraveo»?
Kyana ist unser digitales Herzstück und in einer eigenen Einheit organisiert. «Mykyana» sammelt, strukturiert und visualisiert Daten aus Maschinen, Workflows und Qualitätssicherung – damit der Kunde echte Datenhoheit über seine Produktion erhält. Darauf bauen Lösungen auf, die Effizienz, Verfügbarkeit und Qualität verbessern. «Auraveo» geht Richtung Markt: Die physische Verpackung wird über digitale Kennzeichnungen zur interaktiven Oberfläche. Marken können Kampagnen ausspielen, über Code-Scans Verhalten messen und Feedback einholen. Was früher Vision war selbstlernende Prozesse, interaktive Kommunikation, wird damit Schritt für Schritt Realität. Verpacker werden zu Datenlieferanten und -interpreten für ihre Brand Owner.
Seit Jahren heisst es, Digitaldruck werde alle anderen Verfahren ablösen. Wie sehen Sie das Zusammenspiel von Offset, Flexo und Digitaldruck?
Die Aussage «Digitaldruck löst alles ab» ist, mit Verlaub, undifferenziert und praxisfremd. Koexistenz ist das Schlüsselwort. Offset und Flexo sind unschlagbar, wenn es um grosse Auflagen und bestimmte Substrate geht. Digitaldruck spielt seine Stärken bei kleineren Losgrössen, Varianten, Personalisierung, Serialisierung und schnellen Designwechseln (Time-to-Market) aus. Entscheidend ist der Break-even und der hängt stark vom Produktportfolio und Auftragsvolumen ab. Unsere Aufgabe ist, gemeinsam mit dem Kunden zu analysieren, welche Jobs digital, welche analog und welche am besten hybrid gefahren werden. Am Ende steht eine Mischung, die wirtschaftlich Sinn ergibt, statt ein dogmatisches Entweder oder.
Wo sehen Sie im Verpackungsdruck besonders spannende Anwendungsfelder für Digitaldruck gerade bei flexiblen Verpackungen, Etiketten oder Glas?
Flexible Verpackungen boomen Schlauchbeutel, Standbodenbeutel, Folienanwendungen in Food und Non-Food. Ähnliches gilt für Etiketten und dekorative Anwendungen auf Glas oder im Interieur. Digitaldruck erlaubt es, genau die Mengen zu produzieren, die wirklich gebraucht werden, und Varianten fast beliebig zu erweitern: regionale Editionen, saisonale Kampagnen, personalisierte Botschaften. Das reduziert Lagerbestände, Abfall und Überproduktion, spart also Kosten und unterstützt Nachhaltigkeitsziele.
Bei Standbodenbeuteln für Snacks oder Tiernahrung sehen wir konkret, dass saisonale oder regionale Editionen gefragt sind. Statt grosse Mengen ins Lager zu stellen, produziert der Kunde mit einer digitalen Lösung nur die tatsächlich benötigten Mengen, testet Designs und skaliert danach das stärkste Motiv mit deutlich weniger Überschuss.
Neben Effizienz wird auch Sicherheit wichtiger. Wie unterstützen «varnish protect ‹aegis›» und die «a verification app – ava» Marken beim Schutz vor Fälschungen und beim Thema Rückverfolgbarkeit?
Markenschutz und Produktsicherheit sind heute zentrale Themen. Mit «varnish protect ‹aegis›» bringen wir eine Schutzschicht auf, die für den Konsumenten unsichtbar ist, aber ein eindeutiges Erkennungsmerkmal enthält. Über die «a verification app – ava» lässt sich mit einem Smartphone prüfen, ob eine Verpackung echt ist, zu einem bestimmten Batch gehört oder ob es Auffälligkeiten gibt. Das ist in regulierten Branchen wie Pharma und Food besonders wichtig, aber auch für Kosmetik und Luxusgüter. Wir übertragen damit Sicherheits-Know-how aus dem Banknotendruck Serialisierung, Rückverfolgbarkeit, Manipulationsschutz auf Verpackungen und schaffen eine zusätzliche Vertrauensebene zwischen Marke, Handel und Konsument.
Ein grosser Teil der Kaufentscheidungen fällt am POS. Wie verändert sich das Arbeiten Ihrer Kunden durch hochwertige Verpackung, digitale Codes und Datenanalyse?
Verpackung ist am POS der stille Verkäufer. Sie entscheidet mit darüber, ob ein Produkt im Warenkorb landet oder nicht. Gleichzeitig erhöhen Konsumenten und Regulatoren den Druck, was Transparenz und Umweltverträglichkeit angeht. Digitale Codes auf der Verpackung schlagen hier die Brücke: Sie liefern Zusatzinformationen, aktivieren Kampagnen, führen zu Serviceangeboten. Aus den Interaktionen entstehen Daten,aus denen unsere Kunden lernen können: Welche Designs funktionieren? Welche Botschaften kommen an? In Zukunft werden Verpackungen noch stärker zu dynamischen Kommunikationsplattformen und wer diese Daten intelligent nutzt, verschafft sich einen Vorsprung.
Im Kosmetik- oder Luxussegment sehen wir zum Beispiel personalisierte Etiketten oder limitierte Linien für bestimmte Städte oder Stores. Die Verpackung wird zum Sammlerstück und über einen Code lassen sich Zusatzinhalte wie Markenstorys oder Loyalty-Programme aufrufen. Die Auswertungen dieser Interaktionen fliessen wiederum in Produkt- und Designentwicklung zurück.
Sie verstehen Koenig & Bauer Schweiz als «Trusted Advisor». Was heisst das konkret für Ihre Arbeit mit Verpackungsdruckern?
Wir wollen mehr sein als ein Lieferant von Maschinen, das trifft für die gesamte Koenig-&-Bauer- Gruppe zu. Es beginnt mit einer ehrlichen Analyse: Welche Produkte, welche Auflagen, welche Regulierungen, Leistungs- und Qualitätsansprüche und welche Ziele hat der Kunde heute und in fünf bis zehn Jahren? Daraus entwickeln wir gemeinsam ein Konzept für den passenden Mix aus Maschinen, Verfahren, Automatisierung und digitalen Bausteinen. Nach der Projektplanung und Installation kommen Schulung, Service und laufende Optimierung hinzu. Entscheidend ist, dass der Kunde am Ende nicht nur eine Druckmaschine mehr in der Halle stehen hat, sondern ein tragfähiges Zukunftskonzept mit Maschinenbau, Daten- und Sicherheitslösungen, die im Schweizer Markt bestehen können.
Fazit
Koenig & Bauer Schweiz positioniert sich als Druckmaschinenbauer mit erweitertem Technologieauftrag: Präzise Hightech-Maschinen bilden das Fundament, digitale Lösungen wie «Kyana/ Mykyana» und «Auraveo» sowie Sicherheitswerkzeuge wie «varnish protect ‹aegis›»/«a verification app – ava» machen daraus ein integriertes Ökosystem für die Verpackungsindustrie Automatisierung adressiert Fachkräftemangel, Komplexität und Rüstzeiten, während die Koexistenz von Offset, Flexo und Digitaldruck die nötige Flexibilität für Faltschachtelproduktion, flexible Verpackungen, Etiketten, Glas und personalisierte Anwendungen schafft.
Gleichzeitig überträgt Koenig & Bauer Erfahrungen aus über zwei Jahrhunderten – insbesondere aus dem Banknoten- und Sicherheitsdruck auf Verpackungen, um Markenschutz, Rückverfolgbarkeit und Verbrauchersicherheit zu stärken. Für Peter Rickenmann ist damit klar: Verpacker brauchen heute Partner, die Maschinenbau, Datenkompetenz und Servicekultur verbinden und mit einem klaren Blick aufs Wesentliche helfen, Investitionen im Schweizer Markt langfristig zukunftsfähig zu machen.
Zur Person
Peter J. Rickenmann repräsentiert die vierte Familiengeneration in der Druckindustrie und blickt auf eine rund 45-jährige Branchenexpertise zurück. Seine Karriere ist eine konsequente Entwicklung vom Drucktechnologen bis hin zum strategischen Top-Management. Als CEO und Delegierter des Verwaltungsrates der Koenig & Bauer (CH) AG verantwortet er seit 2001 den Schweizer Markt. Seine Führungskompetenz erweiterte er während mehrerer Jahre auch international, u. a./z. B. als Verwaltungsratspräsident der Koenig & Bauer IT S.r.l. bei Mailand, Italien.
Rickenmann verfügt über ein beachtliches nationales und internationales Netzwerk. Er hat zahlreiche Technologiepremieren und Innovationen lanciert und aktiv die Entwicklung der grafischen Industrie im Printbereich über Jahrzehnte mitgestaltet. In all den Jahren hat er vieles gesehen, erlebt und gelernt: Von klassischen Akzidenzbetrieben über Zeitungsdruckereien bis hin zu hoch spezialisierten Verpackungsherstellern.
Im persönlichen Austausch zeigt er sich als klarer, reflektierter Gesprächspartner, der Entwicklungen gerne zu Ende denkt und ihre Konsequenzen offen anspricht. Er hinterfragt Modebegriffe und Trends, ohne Innovationen grundsätzlich zu misstrauen, und versucht, den Kern einer Fragestellung rasch herauszuarbeiten sei es beim Thema Fachkräftemangel, Nachhaltigkeit oder bei der Rolle von Daten in künftigen Geschäftsmodellen.
Charakteristisch ist sein Blick auf den Kunden: Für Rickenmann stehen langfristige, tragfähige Lösungen im Vordergrund, bei denen Maschinenbau, digitale Services und Servicekultur zusammenkommen. Koenig & Bauer Schweiz versteht er dabei nicht nur als Lieferant von Druckmaschinen, sondern als Partner, der Verpackungsunternehmen bei strategischen Entscheidungen und technologischen Weichenstellungen begleitet.