Die Wipf AG mit Sitz in Volketswil entwickelt und produziert seit über 110 Jahren flexible Verpackungen und Aromaschutzventile heute mit klarem Fokus auf Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Als Schweizer Familienunternehmen mit rund 240 Mitarbeitenden und einer Ausbildungsquote an Lernenden von etwa zehn Prozent setzt Wipf auf langfristige Beziehungen und die Entwicklung eigener Fachkräfte. CEO Oliver Fankhauser versteht ESG nicht als Zusatzaufgabe, sondern als strategische Kernkompetenz, die Technologie, Kundenanforderungen und Regulierung zusammenbringt. Im Gespräch erläutert er, wie Wipf Verantwortung, Innovation und Zukunftssicherung konkret lebt und warum flexible Kunststoffverpackungen aus seiner Sicht zu Unrecht am Pranger stehen.
Selbstverständnis und ESG-Dreiklang
Herr Fankhauser, Wipf formuliert ihren Anspruch mit «Verantwortung leben. Innovation gestalten. Zukunft sichern. » Wie übersetzen Sie diesen Dreiklang in Ihre Rolle als CEO?
Wir haben Nachhaltigkeit als eigene strategische Stossrichtung definiert, allerdings nicht nur im ökologischen Sinn, sondern konsequent im Dreisäulenmodell mit ökologischer, ökonomischer und sozialer Verantwortung. Für mich als CEO heisst das: Diese drei Dimensionen müssen in der Unternehmensführung verankert, messbar und gegenüber Kunden, Mitarbeitenden und Eigentümern transparent sein. Wer Nachhaltigkeit nur als Kommunikationsanlass versteht, wird langfristig keinen Marktzugang mehr haben. Für uns ist sie eine Kernkompetenz, die wir bewusst ausbauen.
"Wir entwickeln nicht im stillen Kämmerlein, sondern gemeinsam mit unseren Kunden."
Die Kunststoffverpackungsbranche steht gesellschaftlich unter Druck. Wie erleben Sie diese Diskussion?
Die Diskussion ist heute deutlich intensiver und faktenbasierter, aber gleichzeitig hoch emotional. Kunststoff wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft pauschal abgelehnt, während flexible Verpackungen in der Realität einen sehr effizienten Produktschutz mit geringem Materialund Energieeinsatz ermöglichen. Diese Diskrepanz motiviert uns, mit Daten und realen Projekten zu zeigen, dass flexible Verpackungen gerade im Hinblick auf CO₂-Bilanz und Food-Waste-Vermeidung eine wichtige Rolle spielen.
Innovation als Chance, nicht als Reaktion
Wipf hat früh auf recycelbare Monomaterial- Lösungen und nachhaltige Ventile gesetzt. Was war der Auslöser: technologischer Pioniergeist oder Regulierungsdruck?
Es war immer eine Kombination aus technischer Überzeugung, Marktanforderung und regulatorischen Treibern. Keines dieser Elemente reicht allein. Regulierungen wie die PPWR oder nationale Vorgaben erhöhen den Druck, aber ohne technologische Reife hätte man sie nicht sinnvoll umsetzen können; unser Knowhow mit keramischen Barriere-Schichten und Hochbarriere-Laminaten hat uns hier sehr geholfen. Wir wollten explizit First Mover sein und Nachhaltigkeit als Chance nutzen nicht warten, bis jemand fragt, ob wir eine Monolösung haben.
Ein Beispiel dafür ist das «Wicovalve»- Aromaschutzventil. Wo liegt hier der Innovationshebel?
Beim «Wicovalve»-Aromaschutzventil geht es darum, dauerhafte Funktionalität und Recyclingfähigkeit zusammenzubringen: Die Ventile müssen über Jahre zuverlässig entgasen, ohne Sauerstoff und Feuchtigkeit einzulassen und gleichzeitig mit recyclingfähigen Mono-PP- oder Mono- PE-Laminaten kompatibel sein. Wir haben uns bewusst vorgenommen, für alle Ventilgeometrien jeweils auch eine Mono- PE- und eine Mono-PP-Variante anzubieten, inklusive kompostierbarer Ventile für bio- kompostierbare Verpackungen.
Mit einer Innovation hat Wipf 2025 den Deutschen Verpackungspreis gewonnen und nun auch einen World- Star Award. Was bedeutet das für Sie?
Diese Auszeichnungen sind eine wichtige externe Bestätigung für jahrelange Entwicklungsarbeit, gerade weil der Mildessa- Standbodenbeutel (Hengstenberg GmbH & Co. KG), mit dem wir gewonnen haben, ein reales, grosses Marktvolumen adressiert und Aluminium oder Weissblech konsequent durch ein leichtes Monomaterial ersetzt. Für das Team ist der WorldStar Award ein enormer Motivationsschub und gleichzeitig Verpflichtung, die eingeschlagene Richtung konsequent weiterzugehen.
Nachhaltigkeit in Prozessen und Energie
Sie sprechen nicht nur über nachhaltige Produkte, sondern investieren auch stark in Produktion und Energie. Was sind hier die wichtigsten Hebel?
Wir haben eine Dekarbonisierungs-Roadmap für Scope 1 und 2 erstellt und analysiert, wo unsere grössten Emissionsquellen liegen; rund 80 Prozent stammen aus Lösemitteln, der Rest aus Brenn- und Treibstoffen. Darauf aufbauend wurden über die letzten Jahre mehr als 70 Einzelmassnahmen umgesetzt von Wärmedämmung, neuer Kälte- und Drucklufttechnik mit Abwärmenutzung bis zu LED-Umrüstungen und effizienteren Reinigungsverfahren.
Ein zentrales Projekt ist die erste lösemittelfreie Triplex-Kaschieranlage. Warum dieser Schritt?
Wir haben bereits 2015 in eine lösemittelhaltige Triplex-Anlage mit höherer Feststoffkonzentration investiert, um den Lösemittelausstoss zu reduzieren. Und nun haben wir mit der neuen Triplex- LF-Technologie die Möglichkeit, dreilagige Verbunde vollständig lösemittelfrei in einem Durchgang zu produzieren. Das reduziert den Lösemittelverbrauch und CO₂-Fussabdruck signifikant, erhöht die Effizienz und bildet die Basis für anspruchsvolle Hochbarriere-Monomaterial-Laminate. Solche Investitionen in fortschrittliche Technologien sind auch ein klares Bekenntnis zum Werkplatz Schweiz.
Regulierung, PPWR und Brancheninitiativen
Seit 2024 gilt die verschärfte Schweizer Druckfarbenverordnung. Was hat sich bei Wipf konkret verändert?
Die Verordnung hat unsere Verantwortung erhöht, aber gleichzeitig mehr Klarheit geschaffen, was Konformität entlang der gesamten Lieferkette betrifft. Intern bedeutet das: Unsere spezialisierten Konformitätsverantwortlichen müssen noch enger mit Lieferanten zusammenarbeiten, um Rohstoffe, Druckfarben und Prozesse auf dem neuesten regulatorischen Stand zu halten.
Die PPWR sorgt europaweit für Diskussionen. Wo sehen Sie Chancen und Risiken?
Die Stossrichtung – mehr Recyclingfähigkeit, weniger CO₂, klarere Vorgaben – ist richtig, aber die Ausgestaltung ist hochkomplex: Unterschiedliche Bewertungsmethoden können dieselbe Verpackung je nach Land als vorbildlich oder als nicht konform einstufen. Entscheidend wird sein, dass die sekundäre Gesetzgebung und Berechnungsmethoden harmonisiert werden; sonst kann die Branche kaum europaweit einheitliche Lösungen entwickeln. Dabei beteiligt sich Wipf in unterschiedlichen Gremien aktiv an der Diskussion.
Märkte, Partnerschaften und Technologie
In welchen Marktsegmenten erleben Sie den stärksten Wandel?
Im Food- und Pet-Food-Bereich geht es vor allem um Recyclingfähigkeit, hohe Barriere, thermische Stabilität und Shelf- Life – und immer mit dem Ziel, Food Waste zu vermeiden. Im Non-Food-Bereich sehen wir besonders viele Neuentwicklungen, etwa bei Nachfülllösungen oder technischen Anwendungen. Im Medical/ Pharma-Segment sind Sicherheitsund Hygienestandards sehr hoch, weshalb monomaterialbasierte Lösungen dort besonders sorgfältig validiert werden müssen.
Viele Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit Kunden. Wie wichtig ist diese Partnerschaft?
Wir entwickeln praktisch nie «im stillen Kämmerlein», sondern fast immer gemeinsam mit Kunden, die konkrete Anforderungen und oft neue Produkte an den Start bringen. Unser Entwicklungsteam begleitet Projekte von der Materialauswahl über Versuche bis zur Anlageneinstellung beim Kunden vor Ort. So stellen wir sicher, dass Lösungen in der gesamten Wertschöpfungskette funktionieren.
Sie setzen stark auf Ultraschall-Siegeltechnologie. Warum?
Monomaterial-Laminate reagieren sensibel auf klassische thermische Siegelprozesse mit hohem Wärmeeintrag, was zu Wellenbildung und Verzug führen kann. Mit der neuen Ultraschall-Beutelanlage und einer Ausgiesser (Spout)-Siegelmaschine können wir Mono-PP- und Mono- PE-Beutel mit stabilen, flachen Siegelnähten fertigen, auch bei sterilisierbaren Anwendungen und Spout-Beuteln. Das ist ein wichtiger Baustein, damit nachhaltige Materialien auch prozesstechnisch problemlos von unseren Kunden weiterverarbeitet werden können.
Fazit und Ausblick
Wipf zeigt, wie ein kunststoffbasierter Verpackungsspezialist Verantwortung, Innovation und Zukunftssicherung konsequent verknüpfen kann von monomaterialfähigen Hochbarriere-Laminaten über klimabewusste Produktion bis hin zu Engagement in PPWR-nahen Gremien. Als Schweizer Familienunternehmen mit langfristiger Eigentümerperspektive und einer hohen Ausbildungsquote investiert Wipf bewusst in Menschen, Technologie und Standort. Flexible Verpackungen sind damit nicht das Problem, sondern ein Teil der Lösung, wenn sie ressourceneffizient gestaltet, korrekt bewertet und in funktionierende Kreisläufe eingebunden werden.
Die Wipf AG auf der Interpack 2026
Die Wipf AG präsentiert sich an der Interpack 2026 in Düsseldorf in Halle 9, Stand E03. Im Fokus stehen Hochbarriere- Mono-PP- und Mono-PE-Laminate, recycelbare und kompostierbare «Wicovalve» Aromaschutzventile sowie die neue Triplex-LF Kaschieranlage. Dazu wird Wipf neu entwickelte recycelbare Beutel mit einer Easy-Tear-Lösung präsentieren, welche auf einer innovativen MDO-cast-Polypropylen-Folie basiert.
Zur Person
Oliver Fankhauser ist seit 2019 CEO der Wipf AG. Der gelernte Lithograf und studierte Druck- und Verpackungsingenieur arbeitete viele Jahre in der grafischen Industrie, bevor er in die Verpackungsbranche wechselte. Heute treibt er bei Wipf die strategische Ausrichtung auf Nachhaltigkeit und Innovation voran.