GS1 ist eine weltweit tätige, nicht gewinnorientierte Organisation, die seit mehr als fünfzig Jahren internationale Standards für die Wirtschaft entwickelt – von Barcodes über Handels- und Logistiknummern bis hin zu aktuellen Lösungen rund um den digitalen Produktpass, 2D-Codes und die Datenaustauschplattform firstbase. In über 150 Ländern sorgen GS1-Standards dafür, dass Produkte, Standorte und logistische Einheiten entlang der gesamten Supply Chain eindeutig identifiziert und nahtlos rückverfolgt werden können – quer durch Branchen wie Konsumgüter, Gesundheitswesen, technische Industrie und Logistik.
GS1 Switzerland vertritt diese globale Organisation im Schweizer Markt und vereint drei zentrale Bereiche: Standardisierung und Digitalisierung im B2B-Umfeld, Aus- und Weiterbildung entlang der Supply Chain sowie Dienstleistungen für Unternehmen aus Industrie, Handel und Logistik. Der Verband stellt Instrumente und Lösungen bereit, mit denen Hersteller und Dienstleister effizient und einheitlich ihr Business vorantreiben und skalieren können. GS1 Switzerland setzt mit dem renommierten Swiss Logistics Award jährlich ein sichtbares Zeichen für innovative Logistik- und Supply-Chain-Projekte in der Schweiz – häufig mit direktem Bezug zur Verpackungs- und Intralogistik. Im Interview erklärt Jurymitglied Randy Drenth (Swisscom Schweiz AG), wofür der Swiss Logistics Award steht, wie der Auswahlprozess abläuft – und wann ein Projekt realistische Chancen auf einen Sieg hat.
GS1 Switzerland und der Award
Verpackungs-Industrie: Wie würden Sie die Rolle von GS1 Switzerland für Logistik und Supply Chain in der Schweiz beschreiben?
Randy Drenth: GS1 Switzerland verbindet Unternehmen über Branchen hinweg durch gemeinsame Standards. Das schafft Transparenz, Effizienz und Nachhaltigkeit – ganz gleich ob in Produktion, Handel oder Telekommunikation. Ohne GS1-Standards wäre ein nahtloser Datenfluss kaum machbar.
Wofür steht der Swiss Logistics Award – und welche Projekte soll er sichtbar machen?
Der Award steht für Innovationskraft für Projekte, die logistische Prozesse neu denken, messbaren Nutzen schaffen und nachhaltige Wirkung erzielen. Daneben schafft der Award Sichtbarkeit für herausragende Leistungen und zeigt Potenzial für positive Veränderungen auf. Er ist sozusagen ein Leuchtturm für Exzellenz in der Schweizer Logistik.
Warum ist der Swiss Logistics Award gerade für Unternehmen aus der Verpackungs- und Intralogistikbranche relevant?
Weil Verpackung heute weit mehr ist als Hülle. Sie beeinflusst Lagerung, Transport, Rückverfolgbarkeit und Kundenerlebnis. Wer Verpackung, Logistik und Digitalisierung integriert, leistet einen echten Beitrag zur Effizienz und Ressourcenschonung – genau das will der Award sichtbar machen.
Die diesjährigen Nominierten wirken auf den ersten Blick kaum verpackungsnah. Sehen Sie dennoch Verpackungsbezüge – und was hat am Ende den Ausschlag für die Top 3 gegeben?
Ja, durchaus. Themen wie Materialreduktion, Ressourceneffizienz und Prozessintegration betreffen auch Verpackungsprozesse. 2026 haben aber Projekte mit hohem Skalierungspotenzial stärker überzeugt als klassische Verpackungsthemen.
Bewertung und Jury
Was hat die ausgezeichneten Projekte aus Sicht der Jury in diesem Jahr besonders gemacht?
Sie waren mutig, messbar erfolgreich und ganzheitlich gedacht – vom Business Case bis zur Umsetzung. Besonders beeindruckt hat die Verbindung von Nachhaltigkeit mit Wirtschaftlichkeit.
Gab es bei den diesjährigen Nominierten einen roten Faden – etwa bei Digitalisierung, Datenintegration, Nachhaltigkeit oder Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg?
Ganz klar: Digitalisierung, Datenintegration und neue Kooperationsmodelle über Unternehmensgrenzen hinweg. Nachhaltigkeit ist dabei längst Grundvoraussetzung, kein Bonus.
Welche Rolle spielen GS1-Standards wie Identifikationsnummern oder 2D-Codes bei aktuellen und früheren Gewinnerprojekten des Swiss Logistics Award?
Sie sind oft das Rückgrat. Ohne eindeutige Identifikationsnummern, standardisierte Datenaustauschformate oder 2D-Codes wäre der Automatisierungsgrad vieler Lösungen gar nicht erreichbar.
Wie sieht der typische Jahreszyklus des Swiss Logistics Award aus – von der Ausschreibung bis zur Preisverleihung?
Der Award läuft in einem klaren Jahresrhythmus: Im Sommer, nach der Award-Verleihung, startet die Ausschreibung, dann folgen Kurzbeschreibungen, Jurybewertungen und im Mai, Juni des Folgejahres dann die Preisverleihung. Das sorgt für Kontinuität und Qualität.
Ein besonderes Element vor der eigentlichen Einreichung ist ein frühes «Ja/Nein/Vielleicht »-Feedback. Warum ist dieser Schritt aus Ihrer Sicht so wichtig – und wie hilft er Unternehmen ebenso wie der Jury?
Das frühe «Ja/Nein/Vielleicht»-Feedback ist enorm wertvoll. Es hilft Unternehmen, ihre Projekte zu schärfen, und ermöglicht der Jury, den Fokus auf die aussichtsreichsten Konzepte zu legen.
Die Jury des Swiss Logistics Award ist bewusst heterogen besetzt. Wie wirkt sich diese Vielfalt auf die Diskussionen und die Auswahl der Nominierten aus?
Die Vielfalt in der Jury ist ein echter Mehrwert: Es sitzen mehrere Generationen, Frauen und Männer aus Industrie, Verbänden und Hochschulen am Tisch. Ihre unterschiedlichen Perspektiven führen zu intensiven Diskussionen – und am Ende zu einer ausgewogenen, ganzheitlichen Bewertung. Jeder bringt da sein Fachgebiet, seine Fähigkeiten und Erfahrungen kompetent ein und wir ergänzen uns da sehr gut.
Blick nach vorn
Welche Empfehlungen geben Sie Unternehmen aus der Verpackungs- und Intralogistikbranche, die jetzt ein Projekt für den Swiss Logistics Award 2027 vorbereiten?
Verpackungshersteller sollten Logistik stärker als Teil des Wertversprechens verstehen. Denken Sie Verpackung als Teil der Supply Chain. Projekte mit klar nachweisbarer Effizienzsteigerung, CO₂-Reduktion oder digitaler Rückverfolgbarkeit haben gute Chancen. Entscheidend sind messbare Wirkung, Einfachheit und Skalierbarkeit über den eigenen Geschäftsbereich hinaus.
Ganz konkret zur Verpackung: Welche Projekte aus dem Verpackungsumfeld hätten aus Ihrer Sicht realistische Chancen auf eine Nomination oder sogar einen Sieg?
Besonders spannend sind Projekte, die Material- und Datenflüsse verbinden – etwa smarte Mehrwegverpackungen, digitale Tracking-Lösungen oder zirkuläre Supply-Chain-Konzepte. Entscheidend ist der messbare Impact über die Verpackung hinaus.
Fazit
Der Swiss Logistics Award zeigt, wie Innovation, Standardisierung und Nachhaltigkeit ineinandergreifen. Für Randy Drenth ist klar: «In der modernen Logistik ist Verpackung längst nicht mehr Nebensache, sondern ein zentraler Hebel für Effizienz und ökologische Verantwortung.»
«And the winner is …»
Klinik Seeschau (Kreuzlingen, TG) und Post CH AG. Sie zeigen mit ihrem prämierten Projekt, wie Logistik den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen spürbar abfedern kann. Statt hoch qualifiziertes OP-Personal mit Bestellungen, Kommissionierung und Lagerorganisation zu binden, lagert die Klinik ihre gesamte OP-Logistik an die Post aus – vom operativen Einkauf über die Lagerhaltung bis zur fallbezogenen Belieferung. Herzstück ist ein Just-intime- Konzept mit individuell zusammengestellten Fallboxen: Für jeden geplanten Eingriff steht das benötigte Material konfektioniert bereit, an der OP-Schleuse genügt ein Scan, um alle Artikel digital zu erfassen. Nicht benötigte Produkte werden retourniert, systemisch verbucht und wieder eingelagert. So entsteht ein geschlossener, medienbruchfreier Prozess vom Bestellungslauf bis zur Abrechnung. Für die Klinik bedeutet das: OP-Teams gewinnen jene rund 30 Prozent Arbeitszeit zurück, die bisher in fachfremde Logistiktätigkeiten flossen, Lagerflächen werden frei und lassen sich in zusätzliche OP-Kapazitäten verwandeln – ohne Neubau. Konsolidierte Lieferungen reduzieren Abfall und Transporte, das Post Health Cockpit schafft Transparenz über Bestände und Verbräuche. Damit verbindet das Projekt Verpackung, Konfektionierung und Kliniklogistik zu einem skalierbaren Modell, das Patientensicherheit erhöht und medizinisches Fachpersonal für seine Kernaufgabe freispielt: die Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Randgespräch: Verpackung und Logistik bei Swisscom
Randy Drenth ist Head of Logistics & Senior Vice President bei Swisscom Schweiz AG. Seit 26 Jahren lebt der gebürtige Niederländer in der Schweiz und treibt bei Swisscom Themen wie Supply-Chain-Management, Prozessoptimierung, Digitalisierung und Einsatz von KI in der Logistik-Steuerung voran. Swisscoms Logistik ist eine schlanke, partnergesteuerte und digital transformierte Organisation, deren Fokus auf einem hohen finanziellen Beitrag, operativer
Resilienz und agiler Führung liegt. Swisscom verbindet die strategische Steuerung durch ein kompaktes Expertenteam mit ausgelagerter operativer Exzellenz und steht damit voll und ganz im Einklang mit Swisscoms Grundsatz «Mit weniger mehr erreichen». Gerade für Innovation in der Logistik ist dabei KI ein zentraler Hebel. In seiner Rolle als Jurymitglied des Swiss Logistics Award 2026 bringt er diese Praxiserfahrung in die Diskussionen rund um Innovation, Nachhaltigkeit und Standardisierung ein.
Neue Wireline-Verpackung: Weniger ist mehr
Neben dem Juryengagement arbeitet Drenth mit seinem Team im Alltag auch an ganz konkreten Logistik- und Verpackungsprojekten. Ein Beispiel ist die neue Wireline-Verpackung von Swisscom: Mehrere Teams – von Design über Beschaffung bis zu Logistik und Branding – haben gemeinsam eine Lösung entwickelt, die vollständig ohne Plastik auskommt. Kabel in Plastiktütchen, Umhüllungen oder Folieneinschweissungen sollten verschwinden; stattdessen setzt Swisscom auf Papierumschläge als Verschluss und arbeitet daran, auch den Lieferschein-Umschlag umzustellen. Das Ziel: weniger Abfall, weniger Materialeinsatz und eine Verpackung, die sich problemlos recyceln lässt.
Auf dem Weg dorthin mussten Zielkonflikte gelöst werden – etwa zwischen Nachhaltigkeit, Kostendruck und funktionalen Anforderungen. Swisscom reduzierte die Variantenvielfalt, verlagerte mehr Vormontage zum Hersteller und optimierte das Volumen: weniger Luft, weniger Material, einfachere Assemblage. «Das Resultat ist eine stabile, schöne und umweltfreundliche Verpackung, die einfach recycelt werden kann – ganz im Sinne: ‹Das Geld steckt im Produkt für den Kunden, nicht in der Umverpackung – ohne Abstriche beim Auspackerlebnis.›», sagt Drenth.
Künftig weiterhin einheitliche Konzepte
Auch für die Zukunft hat er klare Vorstellungen. Angestrebt wird ein einheitliches Verpackungskonzept für die gesamte Wireline-Familie – beim Design ebenso wie bei Materialien und Handling. Das soll Komplexität und Kosten senken und die Abläufe in der Logistik weiter vereinfachen. Gleichzeitig beobachtet Swisscom die gesetzlichen Entwicklungen der EU zu ressourcenschonender Verpackung und möglichen Wiederverwendungskonzepten genau. «Die Zukunft gehört Lösungen, die Design, Effizienz und Nachhaltigkeit verbinden», ist Drenth überzeugt.
Der Blick zurück zeigt, dass Swisscom Innovation in der Logistik nicht erst seit gestern beschäftigt. Bereits 2003 erhielt Swisscom Mobile den Swiss Logistics Award – für ein Projekt, das die Reparaturdurchlaufzeit bei Handys von 13 auf 5 Tage verkürzte. Pro Jahr wurden damals über 125 000 Geräte retourniert und bearbeitet. Grundlage des Erfolgs waren eine komplette Restrukturierung der Rücknahmekette, neue IT-Systeme und ein durchgängiges Logistik-Controlling, das volle Transparenz und Kostenklarheit schuf. Diese Erfahrungen fliessen heute in Drenths Juryarbeit ebenso ein wie in aktuelle Projekte rund um Verpackung und Supply Chain.